Kinder in Käfigen2

22 Jun Kinder in Käfigen. Was das mit uns macht. Was wir damit machen können.

Es ist unerträglich.

Es ist einfach falsch.

Es ist zum Verrückt-Werden.

In den letzten Tagen gingen Bilder von Kindern um die Welt, die an der US-amerikanischen Grenze in Käfige gesperrt wurden. Wie Tiere.
Man fühlte sich unweigerlich an das Dritte Reich erinnert, wenngleich der Vergleich in dieser Dimension nicht stimmig sein mag.

Trump ruderte zurück – Gott sei Dank. Und doch ist nichts gut.

Als sei das Schicksal dieser Kinder noch nicht Grauen erregend genug, haben die USA den UN Menschenrechtsrat verlassen. Weil der Menschenrechtsrat verlogen sei und gar nicht wirklich die Menschenrechte schütze.

Wie können wir mit solchen Erschütterungen umgehen?

Und weshalb trifft es uns besonders, wenn es der amerikanische Präsident ist, der so handelt?

Was wir Deutsche mit den USA verbinden

Viele von uns haben Eltern oder Großeltern, die Geschichten erzählen von 1945, als endlich „die Amerikaner“ kamen. Für das Gefühl, das sie damit verbinden, schien es keine Worte zu geben.

Ich habe keine gehört, die auch nur annähernd dem nahegekommen wären, was ich beim Zuhören in jeder Zelle spüren konnte.

Es war mehr als Dankbarkeit.

Dankbar kann man auch für ein kaltes Getränk sein an einem heißen Sommertag.

Hier aber hatte die Hölle geendet. Das Wort Erlösung trifft es darum wohl am ehesten.

Warum es so tief geht

Es ist zutiefst traumatisierend, von jemandem, von dem das eigene Leben abhängt, bedroht, missbraucht, hintergangen, belogen zu werden.

Es wirkt zerstörerisch auf unsere Integrität, wenn eine Institution, die als „Schutzmacht“ begriffen wird und die sich selbst so darstellt, diese Macht missbraucht.

Kinder, die so etwas erleben, erlernen das Abspalten. In der Fachsprache nennt man das Dissoziieren. Sie treten weg – und wirken dabei, als wären sie bei Bewusstsein.

Das, was erlebt wird, kann nicht in Übereinstimmung gebracht werden mit grundlegenden Prinzipien, die ich Lebensvoraussetzungen nennen würde:

Eltern schützen ihre Kinder.

Ein Präsident schützt sein Volk.

Je größer sein Einflussbereich ist, umso größer ist seine Verantwortung.

Der mächtigste Mann der Welt hat eben auch Verantwortung für die ganze Welt.

Was Lügen zusätzlich anrichten

Ein Missbrauch durch eine „Schutzmacht“ wird erlebt als unerträgliche Nichtübereinstimmung zwischen der beobachteten Realität und dem innerlich zutiefst als richtig empfundenen Zustand.

Die Verzweiflung lässt sich noch steigern, indem die machtausübende Person außerdem behauptet, der Missbrauch sei zum Besten derjenigen, die darunter leiden. Oder durch sie selbst verschuldet.

Besonders durch dieses Verhalten kann man vollkommen in seiner Wahrnehmung gestört, sogar regelrecht „ver-rückt“ werden.

Das wirkt auch schon in kleinen Dosen. Und nicht nur bei Kindern.

Abgespaltene Zustände sind auch bei vielen Erwachsenen sehr häufig. Sie bleiben oft unbemerkt und sind dadurch umso schädlicher.

Durch sie wird das Gefühl für die eigene Lebendigkeit gedimmt und in der benebelnd schummrigen Beleuchtung dieses Zustands kriegen Handlungsimpulse nicht genug Energie, um umgesetzt werden zu können.

Der eigenen Wahrnehmung wird nicht mehr getraut, was zu völliger Verunsicherung führen kann. Das wiederum kann zu aggressiven Ausbrüchen führen. Oder zu Depression.

Das Trauma überwinden

Im Trauma stecken zu bleiben ist, als wäre die Seele schachbrettartig gemustert und alle schwarzen Felder sind erstarrt. Wie tot.

Weil Kräfte in uns wirken, die noch viel intelligenter sind als unsere Abwehrmechanismen oder das, was wir unseren Intellekt nennen, drängt sich das Verdrängte immer wieder in irgendeiner Form auf und lädt uns ein, das Licht unseres Bewusstseins anzuknipsen, um die schwarzen Felder auszuleuchten und Leben in sie zu bringen.

Dann wird die „Schutzmacht“ demontiert.

Mit ihr werden Kindheitsträume begraben, verlorene Ideale beweint, in der Kathedrale unserer heiligsten Ideen zerschellen die Ikonen der eigenen Herzensvision auf dem Marmor der Erkenntnis.

Es ist grauenhaft.

Und doch, der tiefste Schmerz birgt die größte Kraft zu einer möglichen Heilung.

Nach der Ent-Täuschung

Erst einmal hervorgekrochen unter den Trümmern der gestürzten Heldenstatue erkennen wir, dass wir uns unabhängig machen müssen, wenn wir ganz und gar lebendig und frei sein wollen.

Wir müssen unserer eigenen Wahrnehmung trauen. Dem Denken allein zu vertrauen, ist unklug.

Wir müssen ein viel größeres Vertrauen wagen als das, welches wir unseren Eltern, Partnern, Lehrern,Therapeuten, Priestern, Politikern, Wissenschaftlern, Gurus und selbsternannten Heiligen entgegengebracht haben.

Viel größer.

Vertrauen, dass mehr existiert als der kleine Krieg unseres egoistischen Verstandes mit sich selbst und den großen Kriegen unter menschgewordenen Superegos.

Vertrauen, dass es möglich ist, diesen Krieg zu beenden. Jeden Krieg.

Die Lösung liegt in uns

Wenn wir darauf warten, dass die anderen (Trump, der Ehepartner, die Therapeutin) “zur Vernunft” kommen und hoffen, dass sie irgendwann schon erkennen, dass sie uns verletzt haben, machen wir uns zum Opfer und schwächen uns selbst. Wenn wir selbst die Verantwortung übernehmen für uns – ganz und gar – dann erleben wir Unabhängigkeit und inneren Frieden. Ohne inneren Frieden kann es keinen äußeren Frieden geben.

Der erste Schritt dorthin ist, radikal ersteinmal alles zu akzeptieren. Alles. Außen und innen.

Nur was wir akzeptieren, können wir ändern.

Das ist nicht einfach. Manches kommt uns vollkommen unannehmbar vor. Wie Kinder in Käfigen.

Dazu braucht es Mitgefühl

Mitgefühl ist eine der Superkräfte des Menschen. Mitgefühl gibt wahre innere Stärke. Und Würde.

Zuallererst brauchen wir Mitgefühl mit uns selbst. Missbrauch und das Miterleben von Gewalt lässt die Gefühle toben. Angst, Wut, Hilflosigkeit. Scham.

Diese Gefühle anzunehmen ist wichtig, damit wir uns wieder ganz vollständig fühlen, damit wir nicht abspalten müssen. Möglich, dass wir dabei Unterstützung brauchen, uns in die Höhle zu wagen, in der wir das, was uns überfordert hat, versteckt haben.

Es lohnt sich. Auf Dauer ist es weniger nervenaufreibend, die Höhle einmal gründlich mit einem Scheinwerfer auszuleuchten, als sich draußen immer wieder vor dem schaurigen Geheul, das aus der Höhle kommt, zu fürchten.

Das Licht zeigt uns deutlich, wovon unser Verstand allein uns nicht überzeugen kann: Die Bedrohung ist nicht so groß, wie zuerst gedacht. Wir sind nicht mehr klein. Wir sind nicht ausgeliefert.

Es gibt keine “Täter”, es gibt kein “Opfer”.

Es gibt Egoismus und Kaltherzigkeit und Arroganz. Wir alle haben das in uns. Die einen mehr, die anderen weniger. Es gibt niemanden, der nicht schon einmal in seinem Leben egoistisch, kaltherzig oder arrogant gehandelt hätte.

Die wenigsten Menschen bringen einen anderen um oder sperren jemanden ein. Aber wir alle kennen das Gefühl von enormer Wut. Und den Wunsch, jemanden zu etwas zu zwingen.

Es zeugt von wahrer Größe, das bei sich selbst zu erkennen.

Und es trägt wesentlich zum Frieden bei. Denn das, worüber wir uns bewusst sind, kann uns nicht hinterrücks überfallen. Das, was wir nicht wahrhaben wollen, sucht sich seinen Weg und haut uns seine hässlichste Seite gewaltig um die Ohren. Solange, bis wir bereit sind, hinzuschauen. Zu akzeptieren.

Dann folgt das Mitgefühl mit den anderen.

Es sind die ängstlichsten und am meisten misshandelten Hunde, die am aggressivsten sind. Und wir gewöhnen ihnen das nicht durch Schläge ab.

Und dann: Handeln

Der wirksamste Weg aus dem lähmenden Gefühl der Hilflosigkeit heraus ist das Handeln.

Vielleicht können wir die Kinder in den USA nicht aus ihren Käfigen befreien. Wir können uns selbst aus dem selbstgebauten Käfig der Empörung und Verurteilung befreien.

Es gibt Kraft, die eigenen Werte zu leben, völlig unabhängig davon, wie andere sich verhalten.

Ein Kind zum Spielen einladen, anstatt die Eltern zu verurteilen, dass sie dauernd auf ihr Handy gucken. In einer Diskussion darauf verzichten, Recht haben zu wollen. Jemanden besuchen, dem es nicht so gut geht. Erstmal zuhören, wenn jemand schreit und die eigene Angst nicht die Regie übernehmen lassen. Erst antworten, wenn die Angst weg ist.

Wir alle haben in unserem Alltag jede Menge Gelegenheiten, mitfühlend zu handeln.

Einfach genau da, wo wir jetzt gerade sind.

Photo: pixabay

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